Mythen über Bildschirmzeit: Was große Studien finden
Schadet Bildschirmzeit Jugendlichen wirklich? Was Studien mit Hunderttausenden jungen Menschen fanden, warum Selbstauskünfte täuschen und was mehr zählt.

Kaum eine Frage des modernen Lebens erzeugt so viel Gewissheit auf so wenig Grundlage wie die Bildschirmzeit. Die Schlagzeilen schwanken zwischen „Bildschirme verdrahten eine ganze Generation neu“ und „Bildschirme sind harmlos“, oft unter Berufung auf dieselben Studien. Das letzte Jahrzehnt hat ungewöhnlich große und sorgfältige Forschung zu dieser Frage hervorgebracht, viel davon von Teams, die sich bewusst vorgenommen hatten, die Zahlen vor dem Zurechtbiegen in die eine oder andere Richtung zu schützen. Was sie zeigt, ist weniger dramatisch als beide Schlagzeilen, und nützlicher.
Das Problem großer Umfragedatensätze ist, dass sie Hunderte Variablen enthalten und es Tausende vertretbare Wege gibt, sie auszuwerten. Wählst du einen Weg, findest du Schaden; wählst du einen anderen, findest du nichts. Orben und Przybylski gingen das mit einer Technik namens Specification Curve Analysis an, die jede vernünftige Auswertung durchrechnet und die gesamte Bandbreite berichtet. In drei großen Datensätzen mit 355.358 Jugendlichen war der Zusammenhang zwischen digitaler Techniknutzung und Wohlbefinden negativ, aber klein: Er erklärte höchstens 0,4 % der Unterschiede im Wohlbefinden.
Um dieser Zahl einen Maßstab zu geben, verglichen die Autoren sie mit anderen Faktoren in denselben Daten. Gemobbt zu werden und Cannabis zu rauchen hingen weit stärker mit geringerem Wohlbefinden zusammen, während alltägliche Faktoren wie regelmäßig Kartoffeln zu essen oder eine Brille zu tragen Zusammenhänge in derselben kleinen Größenordnung zeigten wie die Techniknutzung. Ihr Fazit: So kleine Effekte seien zu gering, um für sich allein politische Änderungen zu rechtfertigen.
Es hilft, sich vorzustellen, was 0,4 % der Unterschiede bedeuten. Stell dir vor, alle Jugendlichen aus den Daten stehen in einer Reihe, sortiert nach Wohlbefinden. Wüsstest du, wie viel jeder von ihnen Technik nutzt, könntest du seinen Platz in der Reihe nur ganz wenig besser vorhersagen als durch Raten. Familie, Freundschaften, Schlaf, Gesundheit und Schule würden dir weit mehr verraten. Das heißt nicht, dass Techniknutzung für niemanden je eine Rolle spielt, aber es ist weit entfernt von der Behauptung, Bildschirme seien die Hauptkraft, die die psychische Gesundheit einer Generation prägt.
Quellen1Orben, A., & Przybylski, A. K. (2019a). The association between adolescent well-being and digital technology use. Nature Human Behaviour, 3(2), 173–182.
Eine präregistrierte Studie von Przybylski und Weinstein mit 120.115 englischen Jugendlichen prüfte die sogenannte Goldlöckchen-Hypothese: dass zu wenig und zu viel Nutzung beide schlechter sein könnten als eine mittlere Menge. Der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und psychischem Wohlbefinden war gekrümmt statt einer geraden, abfallenden Linie, und er unterschied sich zwischen Werktagen und Wochenenden. Moderate Nutzung ging nicht mit Schaden einher und könnte in einer vernetzten Welt sogar ein Vorteil sein.
Das passt zu einer vernünftigen Sicht auf Bildschirme als Teil des normalen Lebens. Wer als Teenager nie online ist, verpasst auch etwas, darunter einen guten Teil des sozialen Lebens der eigenen Freunde.
Es rückt auch das wichtigste praktische Risiko in ein anderes Licht. Wo Bildschirme tatsächlich etwas zu kosten scheinen, ist der wahrscheinlichste Preis das, was sie verdrängen, vor allem Schlaf. Nutzung spät in der Nacht, die an der Erholung nagt, verdient Aufmerksamkeit, egal was sie direkt mit der Stimmung macht. Die Belege dazu findest du in Zocken vor dem Schlafen.
Quellen2Przybylski, A. K., & Weinstein, N. (2017). A large-scale test of the Goldilocks hypothesis: Quantifying the relations between digital-screen use and the mental well-being of adolescents. Psychological Science, 28(2), 204–215.
Die meisten Studien bitten Menschen, ihre Bildschirmzeit selbst zu schätzen. Parry und Kollegen sammelten jede Studie, die sie finden konnten, die Mediennutzung auf beide Arten gemessen hatte, per Befragung und per Aufzeichnung auf dem Gerät, und fassten 106 Effektgrößen in einer präregistrierten Metaanalyse zusammen. Selbstauskünfte korrelierten nur mäßig mit den Aufzeichnungen und waren selten genau. Fragebögen zu „problematischer“ Nutzung passten noch schlechter zu den Aufzeichnungen.
Das ist wichtig, weil eine Studie, die auf ungenauen Schätzungen beruht, Zusammenhänge finden kann, die zur Schätzung gehören und nicht zum Verhalten. Wer sich niedergeschlagen fühlt, glaubt vielleicht einfach, mehr Zeit am Handy zu verbringen. Als Orben und Przybylski stattdessen detaillierte Zeitverwendungstagebücher von 17.247 jungen Menschen in Irland, den USA und Großbritannien nutzten, fanden sie kaum Hinweise auf nennenswerte negative Zusammenhänge mit dem Wohlbefinden, auch nicht für Bildschirmnutzung kurz vor dem Schlafengehen.
Quellen3Parry, D. A., Davidson, B. I., Sewall, C. J. R., Fisher, J. T., Mieczkowski, H., & Quintana, D. S. (2021). A systematic review and meta-analysis of discrepancies between logged and self-reported digital media use. Nature Human Behaviour, 5(11), 1535–1547.4Orben, A., & Przybylski, A. K. (2019b). Screens, teens, and psychological well-being: Evidence from three time-use-diary studies. Psychological Science, 30(5), 682–696.
Kleine Durchschnittseffekte sind nicht dasselbe wie keine Effekte. Odgers und Jensen sichteten Metaanalysen, große präregistrierte Studien und intensive Tag-für-Tag-Studien mit Jugendlichen. Der Großteil der Forschung war korrelativ und lieferte eine Mischung aus kleinen positiven, negativen und Nullbefunden. Die gründlichsten Studien fanden kleine Zusammenhänge, die Ursache und Wirkung nicht trennen konnten und im Durchschnitt wohl keine klinische Bedeutung hatten. Durchschnitte können trotzdem einzelne junge Menschen verbergen, bei denen es schlecht läuft. Deshalb lautet die nützliche Forschungsfrage zunehmend, wer betroffen ist und wie, statt ob Bildschirme gut oder schlecht sind.
Auch der Zeitpunkt in der Entwicklung könnte eine Rolle spielen. Orben und Kollegen werteten Daten von 84.011 Menschen zwischen 10 und 80 Jahren in Großbritannien aus und fanden, dass der Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Lebenszufriedenheit bei jüngeren Jugendlichen am negativsten war. In Längsschnittdaten identifizierten sie Fenster größerer Empfindlichkeit: etwa mit 11 bis 13 Jahren bei Mädchen und mit 14 bis 15 bei Jungen, dazu ein weiteres Fenster mit 19 für beide. Der Zusammenhang lief auch in die andere Richtung: Geringere Lebenszufriedenheit sagte spätere stärkere Social-Media-Nutzung voraus.
Quellen5Odgers, C. L., & Jensen, M. R. (2020). Annual research review: Adolescent mental health in the digital age: Facts, fears, and future directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 61(3), 336–348.6Orben, A., Przybylski, A. K., Blakemore, S.-J., & Kievit, R. A. (2022). Windows of developmental sensitivity to social media. Nature Communications, 13(1), 1649.
Die Forschung weist immer wieder weg von einer einzelnen Zahl und hin zum Kontext. Sie rät auch zur Vorsicht bei dramatischen Lösungen: Wie wir bei der Frage gesehen haben, ob ein Digital Detox funktioniert, lieferten Versuche mit einfachem Abschalten gemischte Ergebnisse. Was läuft auf dem Bildschirm? Was würdest du sonst tun? Ist es die Stunde, in der du geschlafen hättest, das Gespräch, das du geführt hättest, oder das öde Warten in einer Schlange? Wie fühlst du dich danach, und hast du das Gefühl, aufhören zu können?
Bei Spielen ist es genauso. Große Studien mit aufgezeichneten Spieldaten fanden, dass die gespielten Stunden wenig über das Wohlbefinden der Spielenden aussagen, während die Art, wie das Spielen in ihr Leben passt, mehr verrät; mehr dazu in Ist Zocken gut oder schlecht für die Stimmung?. Deshalb schreiben wir auch darüber, für das Leben zu gestalten, das Spielende wirklich haben, statt immer mehr Spielminuten hinterherzujagen. Wenn du wissen willst, wie wir solche Studien auswählen und lesen, erklärt unsere Notiz dazu, wie das OutBrick Journal Forschung liest, welchen Regeln wir folgen.
- Sei skeptisch bei jeder Behauptung, die auf einer einzigen Stundenzahl beruht.
- Schau, was die Zeit ersetzt, besonders Schlaf, Bewegung und Zeit mit Menschen.
- Prüf die Bildschirmzeit-Übersicht deines Geräts statt deiner eigenen Schätzung.
- Achte in der frühen Jugend besonders darauf, wenn die Empfindlichkeit höher sein könnte.
Quellen3Parry, D. A., Davidson, B. I., Sewall, C. J. R., Fisher, J. T., Mieczkowski, H., & Quintana, D. S. (2021). A systematic review and meta-analysis of discrepancies between logged and self-reported digital media use. Nature Human Behaviour, 5(11), 1535–1547.5Odgers, C. L., & Jensen, M. R. (2020). Annual research review: Adolescent mental health in the digital age: Facts, fears, and future directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 61(3), 336–348.6Orben, A., Przybylski, A. K., Blakemore, S.-J., & Kievit, R. A. (2022). Windows of developmental sensitivity to social media. Nature Communications, 13(1), 1649.
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Häufige Fragen
Ein paar nützliche Antworten
Ist Bildschirmzeit schlecht für Jugendliche?
Im Durchschnitt finden große Studien nur einen kleinen negativen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und dem Wohlbefinden Jugendlicher, der deutlich unter 1 % der Unterschiede zwischen jungen Menschen erklärt. Inhalt, Zeitpunkt, Alter und das, was die Bildschirmzeit ersetzt, zählen mehr als die Gesamtmenge.
Wie viel Bildschirmzeit ist zu viel?
Die Forschung stützt keine einzelne sichere Grenze. Eine Studie mit 120.115 Jugendlichen fand, dass moderate Nutzung nicht mit Schaden zusammenhing und dass sich der Zusammenhang zwischen Werktagen und Wochenenden änderte. Achte darauf, was die Bildschirmzeit verdrängt, vor allem Schlaf.
Warum widersprechen sich Studien zur Bildschirmzeit?
Große Datensätze lassen sich auf viele vertretbare Arten auswerten, und kleine Entscheidungen können ein Ergebnis umkehren. Viele Studien stützen sich außerdem auf eigene Schätzungen der Bildschirmzeit, die laut einer Metaanalyse selten genau sind.
Ist selbst geschätzte Bildschirmzeit genau?
Nicht besonders. Eine Metaanalyse von 106 Effektgrößen fand, dass die Angaben der Leute nur mäßig mit den Aufzeichnungen ihrer Geräte übereinstimmen. Besser ist es, die Bildschirmzeit-Übersicht deines Handys zu prüfen.
APA 7
Literatur
Die Quellen sind in ihrer Originalsprache angegeben. Wo eine Quelle die eigene Geschichte eines Studios oder ein Pressebericht ist und keine Studie, steht das im Artikel direkt neben der Aussage.
- Orben, A., & Przybylski, A. K. (2019a). The association between adolescent well-being and digital technology use. Nature Human Behaviour, 3(2), 173–182. doi.org/10.1038/s41562-018-0506-1 (öffnet in einem neuen Tab)
- Przybylski, A. K., & Weinstein, N. (2017). A large-scale test of the Goldilocks hypothesis: Quantifying the relations between digital-screen use and the mental well-being of adolescents. Psychological Science, 28(2), 204–215. doi.org/10.1177/0956797616678438 (öffnet in einem neuen Tab)
- Parry, D. A., Davidson, B. I., Sewall, C. J. R., Fisher, J. T., Mieczkowski, H., & Quintana, D. S. (2021). A systematic review and meta-analysis of discrepancies between logged and self-reported digital media use. Nature Human Behaviour, 5(11), 1535–1547. doi.org/10.1038/s41562-021-01117-5 (öffnet in einem neuen Tab)
- Orben, A., & Przybylski, A. K. (2019b). Screens, teens, and psychological well-being: Evidence from three time-use-diary studies. Psychological Science, 30(5), 682–696. doi.org/10.1177/0956797619830329 (öffnet in einem neuen Tab)
- Odgers, C. L., & Jensen, M. R. (2020). Annual research review: Adolescent mental health in the digital age: Facts, fears, and future directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 61(3), 336–348. doi.org/10.1111/jcpp.13190 (öffnet in einem neuen Tab)
- Orben, A., Przybylski, A. K., Blakemore, S.-J., & Kievit, R. A. (2022). Windows of developmental sensitivity to social media. Nature Communications, 13(1), 1649. doi.org/10.1038/s41467-022-29296-3 (öffnet in einem neuen Tab)



