Spieltext bei Legasthenie: Schrift, Abstand, Sprache
Helfen Legasthenie-Schriften? Was Lesestudien über Schriftart, Größe, Buchstabenabstand und Wortwahl sagen und wie Spieltext lesbarer wird.

Spiele sind voller Wörter: Tutorials, Tooltips, Menüs, Sprechblasen, das Kleingedruckte bei einer Belohnung. Für Spielerinnen und Spieler mit Legasthenie kann schlecht gesetzter Text aus einem angenehmen Spiel einen Lesetest machen. Die gute Nachricht: Die Forschung dazu, was hilft, ist ziemlich eindeutig, und manches davon widerspricht verbreiteten Annahmen. Speziell entworfene Legasthenie-Schriften etwa haben sich in Studien nicht gut bewährt. Größe, Abstände und einfache Wortwahl dagegen schon. Hier steht, was die Belege sagen und wie wir versuchen, sie umzusetzen.
Schriften für Leser mit Legasthenie, mit beschwerten Unterlängen und übertriebenen Buchstabenformen, werden vielfach empfohlen. Die kontrollierten Belege sind wenig schmeichelhaft für sie. Wery und Diliberto verglichen OpenDyslexic mit Arial und Times New Roman bei Grundschulkindern mit Legasthenie, beim Benennen von Buchstaben, beim Lesen von Wörtern und beim Lesen von Unsinnswörtern, und fanden weder für einzelne Kinder noch für die Gruppe eine Verbesserung bei Tempo oder Genauigkeit. Keines der Kinder sagte, dass es die Schrift bevorzuge.
Kuster und Kollegen testeten die Schrift Dyslexie in zwei Experimenten mit mehr als 250 Kindern mit Legasthenie und einer Vergleichsgruppe ohne. Texte und Wortlisten in Dyslexie wurden weder schneller noch genauer gelesen als in Arial oder Times New Roman, die meisten Kinder bevorzugten die gewöhnlichen Schriften, und die Vorliebe hing nicht damit zusammen, wie gut sie lasen. In einer Eye-Tracking-Studie von Rello und Baeza-Yates, die eine Reihe von Schriften mit Lesern mit Legasthenie verglich, verbesserte OpenDyslexic das Lesen ebenfalls nicht. Die Wahl der Schrift spielte in dieser Studie aber durchaus eine Rolle: Serifenlose, nicht proportionale und aufrechte Schnitte halfen, und Kursivschrift erschwerte das Lesen.
Das heißt nicht, dass jemand, der eine Legasthenie-Schrift mag, sie nicht mehr nutzen sollte. Wohlbefinden zählt, und wenn sich Lesen mit einer Schrift leichter anfühlt, ist das ein guter Grund, sie zu verwenden. Es heißt aber, dass ein Spiel eine spezielle Schrift nicht als die ganze Lösung betrachten sollte.
Quellen1Wery, J. J., & Diliberto, J. A. (2017). The effect of a specialized dyslexia font, OpenDyslexic, on reading rate and accuracy. Annals of Dyslexia, 67(2), 114–127.2Kuster, S. M., van Weerdenburg, M., Gompel, M., & Bosman, A. M. T. (2018). Dyslexie font does not benefit reading in children with or without dyslexia. Annals of Dyslexia, 68(1), 25–42.3Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2013). Good fonts for dyslexia. In Proceedings of the 15th International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility (pp. 1–8). ACM.
Am besten belegt ist mehr Abstand zwischen den Buchstaben. Zorzi und Kollegen fanden in einer großen Stichprobe italienischer und französischer Kinder mit Legasthenie, dass extragroßer Buchstabenabstand das Lesen sofort verbesserte, ganz ohne Training. Ihre Erklärung ist das sogenannte Crowding: Viele Leser mit Legasthenie werden ungewöhnlich stark von Buchstaben beeinträchtigt, die eng beieinanderstehen, und mehr Abstand lindert das Problem. Stagg und Kiss fanden dasselbe bei Jugendlichen: Extragroßer Abstand steigerte das Lesetempo in der Legasthenie-Gruppe stärker als bei Gleichaltrigen und verringerte übersprungene Wörter, während farbige Leseschablonen keinen signifikanten Unterschied machten.
Auch Größe hilft. In einer weiteren Eye-Tracking-Studie fanden Rello und Baeza-Yates, dass größerer Text und breiterer Zeichenabstand Leser mit und ohne Legasthenie deutlich schneller lesen ließen. Eine größere Studie zur Lesbarkeit im Web von Rello, Pielot und Marcos fand, dass Lesbarkeit und Verständnis mit der Schriftgröße stiegen, und empfahl für textlastige Seiten mindestens 18 Punkt; größerer Zeilenabstand half dagegen nicht. Die praktische Lehre: Lass Text größer werden, und lass die Buchstaben nicht zusammenrücken.
Quellen4Zorzi, M., Barbiero, C., Facoetti, A., Lonciari, I., Carrozzi, M., Montico, M., Bravar, L., George, F., Pech-Georgel, C., & Ziegler, J. C. (2012). Extra-large letter spacing improves reading in dyslexia. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(28), 11455–11459.5Stagg, S. D., & Kiss, N. (2021). Room to read: The effect of extra-large letter spacing and coloured overlays on reading speed and accuracy in adolescents with dyslexia. Research in Developmental Disabilities, 119, 104065.6Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2017). How to present more readable text for people with dyslexia. Universal Access in the Information Society, 16(1), 29–49.7Rello, L., Pielot, M., & Marcos, M.-C. (2016). Make it big! The effect of font size and line spacing on online readability. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 3637–3648). ACM.
Spiele haben bestimmte Gewohnheiten, die das Lesen erschweren. Anders als ein Buch verlangt ein Spiel oft, dass du liest, während gerade etwas anderes passiert, und sofort auf das Gelesene reagierst. Verspielte Zierschriften, Text über unruhigen Hintergründen, Dialoge, die von selbst weiterlaufen, und Anleitungen, die einmal in einem Pop-up erscheinen und nie wieder, erschweren das Lesen zusätzlich. Nichts davon ist nötig. Bei den meisten Lösungen geht es darum, das Tempo des Lesers zu respektieren.
- Verwende für alles, was ein Spieler lesen muss, eine klare serifenlose Schrift, und heb dir Zierschriften für Titel auf.
- Setz Anleitungen oder längere Passagen nie kursiv.
- Unterstütze die Textgröße des Systems, damit Text wächst, wenn der Spieler es möchte, und gib den Buchstaben Raum.
- Setz Text auf eine schlichte Fläche mit hohem Kontrast, nicht über die Spielszene.
- Lass den Spieler Dialoge selbst weiterschalten. Lass Text nie nach Zeitablauf verschwinden.
- Kombiniere Wörter mit Symbolen, damit ein Spieler einen Knopf erkennt, ohne ihn lesen zu müssen.
- Mach Anleitungen nach dem Tutorial leicht wieder auffindbar.
Kontrast ist für alle Leser wichtig, besonders mit zunehmendem Alter. Mehr dazu in Spiele für ältere Augen und Hände gestalten.
Quellen3Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2013). Good fonts for dyslexia. In Proceedings of the 15th International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility (pp. 1–8). ACM.6Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2017). How to present more readable text for people with dyslexia. Universal Access in the Information Society, 16(1), 29–49.
Typografie reicht nur so weit. Die Wörter selbst zählen genauso viel. Kurze Sätze, gängige Wörter, ein Gedanke pro Zeile und das wichtigste Wort zuerst helfen Lesern mit Legasthenie, und sie helfen auch allen anderen, besonders jüngeren Spielern und Menschen, die in einer Fremdsprache spielen. Die Richtlinie des W3C zum Leseniveau vertritt dasselbe für das Web. Einen verwandten Punkt zur Farbe machen wir in warum Farbe in einem Puzzle nie der einzige Hinweis sein sollte: Wichtige Informationen sollten nie an einem einzigen Kanal hängen, und für viele Spieler ist Text ein schwieriger Kanal.
Für uns ist das eine persönliche Sache. Die neun Freunde aus Steinen in OutBrick sprechen nur in Sprechblasen, ohne Stimmen, deshalb kommt es darauf an, wie diese Sprechblasen geschrieben sind. Wir halten sie kurz, und die Ziele eines Feldes zeigen seine Steine, Tore und Zielzähler statt einer Anleitung: Ein Stein kommt durch das Tor in seiner Farbe nach Hause, und die übrigen Züge erscheinen als Zahl. Größerer Text skaliert überall mit. Wie wenig Lesen ein Feld verlangt, siehst du, wenn du eines im Browser spielst.
Auf iPhone und iPad bietet Einstellungen, Bedienungshilfen, Anzeige & Textgröße die Optionen Größerer Text und Fetter Text, und gut gemachte Spiele berücksichtigen beide. „Gesprochene Inhalte“ im selben Menü Bedienungshilfen kann ausgewählten Text vorlesen, und „Bildschirminhalt sprechen“ liest mit einem Zwei-Finger-Wisch vom oberen Rand nach unten alles auf dem Bildschirm vor. Such nach Spielen, deren Menüs Symbole und Wörter verwenden, und scheu dich nicht, die Optionen eines Spiels für Textgröße oder Untertitel zu nutzen. Einstellungsmenüs in Spielen bekommen selten viel Aufmerksamkeit; die, die für Spieler mit Legasthenie gut funktionieren, sind meist für alle gut. Mehr dazu, wie Einstellungen und Schwierigkeitsgrad Spiele öffnen können, findest du in was der Assist-Modus von Celeste lehrt.
Vor allem ist Legasthenie kein Maßstab dafür, wie gut jemand spielt. Viele Spieler mit Legasthenie sind hervorragend in räumlichen und strategischen Spielen, die ganz andere Fähigkeiten verlangen als Lesen. Ein Spiel, das seinen Text richtig macht, stellt ihnen einfach kein unnötiges Hindernis mehr in den Weg. Wenn dir der Text in OutBrick irgendwo im Weg steht, sag uns auf unserer Support-Seite, wo.
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Häufige Fragen
Ein paar nützliche Antworten
Welche Schriftart ist bei Legasthenie am besten?
Studien haben nicht die eine beste Schrift gefunden. Gängige serifenlose Schriften wie Arial und Verdana schneiden gut ab, Kursivschrift schlecht, und spezielle Legasthenie-Schriften haben das Lesen in kontrollierten Studien nicht verbessert.
Helfen Legasthenie-Schriften wie OpenDyslexic?
Kontrollierte Studien zu OpenDyslexic und Dyslexie fanden bei Kindern mit Legasthenie keine Verbesserung von Lesetempo oder Genauigkeit. Manche Menschen empfinden sie trotzdem als angenehm, und das ist ein guter Grund, sie zu nutzen.
Was macht Text für Menschen mit Legasthenie leichter lesbar?
Die stärksten Belege gibt es für größeren Text und zusätzlichen Abstand zwischen den Buchstaben. Einfache Formulierungen, kurze Sätze und Text auf einem klaren Hintergrund mit hohem Kontrast helfen ebenfalls.
Wie viel muss man bei OutBrick lesen?
Sehr wenig. Ein Feld liest du über Steine, Tore, Zielzähler und eine Zugzahl, und die Sprechblasen der Freunde aus Steinen sind kurz gehalten. Größerer Text skaliert überall mit.
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Literatur
Die Quellen sind in ihrer Originalsprache angegeben. Wo eine Quelle die eigene Geschichte eines Studios oder ein Pressebericht ist und keine Studie, steht das im Artikel direkt neben der Aussage.
- Wery, J. J., & Diliberto, J. A. (2017). The effect of a specialized dyslexia font, OpenDyslexic, on reading rate and accuracy. Annals of Dyslexia, 67(2), 114–127. doi.org/10.1007/s11881-016-0127-1 (öffnet in einem neuen Tab)
- Kuster, S. M., van Weerdenburg, M., Gompel, M., & Bosman, A. M. T. (2018). Dyslexie font does not benefit reading in children with or without dyslexia. Annals of Dyslexia, 68(1), 25–42. doi.org/10.1007/s11881-017-0154-6 (öffnet in einem neuen Tab)
- Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2013). Good fonts for dyslexia. In Proceedings of the 15th International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility (pp. 1–8). ACM. doi.org/10.1145/2513383.2513447 (öffnet in einem neuen Tab)
- Zorzi, M., Barbiero, C., Facoetti, A., Lonciari, I., Carrozzi, M., Montico, M., Bravar, L., George, F., Pech-Georgel, C., & Ziegler, J. C. (2012). Extra-large letter spacing improves reading in dyslexia. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(28), 11455–11459. doi.org/10.1073/pnas.1205566109 (öffnet in einem neuen Tab)
- Stagg, S. D., & Kiss, N. (2021). Room to read: The effect of extra-large letter spacing and coloured overlays on reading speed and accuracy in adolescents with dyslexia. Research in Developmental Disabilities, 119, 104065. doi.org/10.1016/j.ridd.2021.104065 (öffnet in einem neuen Tab)
- Rello, L., & Baeza-Yates, R. (2017). How to present more readable text for people with dyslexia. Universal Access in the Information Society, 16(1), 29–49. doi.org/10.1007/s10209-015-0438-8 (öffnet in einem neuen Tab)
- Rello, L., Pielot, M., & Marcos, M.-C. (2016). Make it big! The effect of font size and line spacing on online readability. In Proceedings of the 2016 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (pp. 3637–3648). ACM. doi.org/10.1145/2858036.2858204 (öffnet in einem neuen Tab)



